Generation X neu verfilmt: Cobain – Montage of Heck

Kategorie : Sonstiges
Generation X neu verfilmt: Cobain - Montage of Heck

Über das Leben und Sterben von Nirvana Frontmann Kurt Cobain ist alles gesagt und geschrieben – bis der TV-Sender HBO mit “Cobain – Montage of Heck” eine atemberaubend intime Dokumentation veröffentlicht, die neue Einblicke in die zerbrechliche Welt des Genies gibt.

“You better prepare yourself, because you are not ready for this”, sagt Kurt Cobains leibliche Mutter kurz bevor “Nevermind”, das zweite und erfolgreichste Studioalbum der Grunge-Band Nirvana erscheint, zu ihrem Sohn Kurt. Das ist der Wendepunkt der 2:25 stündigen Doku und gleichzeitig der des jungen, sensiblen, drogenbehafteten Kurt Cobain. Nach kometenhaftem Aufstieg der Band trotz oder gerade wegen gleichgültiger Attitüde folgen Szenen des menschlichen Zerfalls bis zum dröhnenden Schlusspunkt am 5. April 1994.

Jeder, der sich ernsthaft mit Musik, Kultur und popkultureller Entwicklung beschäftigt, stößt unausweichlich auf Nirvana und damit auf Kurt Cobain. Mit nur drei Studioalben und einem MTV Unplugged schafften Nirvana, was vorher nur Bob Dylan gelang: Sie gaben einer ganzen Generation orientierungsloser Teenager ein Gesicht und einen Sound. Auch wenn Schlagzeuger Dave Grohl mit den Foo Fighters später erneut Karriere machen sollte, die drogenzerstörte, ungewaschene Fratze von Kurt Cobain wurde zum Peace-Zeichen der Generation X.

Deshalb ist es auch folgerichtig, dass sich “Cobain- Montage of Heck” fast ausschließlich um Kurt Cobain dreht, auch wenn zumindest Bassist Krist Novoselic bereitwillig O-Töne beisteuert. Dave Grohl ist lediglich in Interview-Ausschnitten von Nirvana zu sehen. Das könnte nicht zuletzt damit zu tun haben, dass es einen jahrelangen Rechtsstreit um den Nachlass Cobains gab, in dem Courtney Love behauptete, Nirvana SEI Cobain. Da es sich bei der Dokumentation um den ersten voll autorisierten Film über Cobains Leben handelt und die Autorisierung höchstwahrscheinlich von Cobains Witwe Love sowie Tochter und Mitproduzentin Frances Bean vorgenommen wurde, entsteht nicht selten genau dieser Eindruck.

Generation X neu verfilmt: Cobain - Montage of Heck

“Cobain – Montage of Heck” arbeitet sich chronologisch durch das Leben der Grunge-Legende und zeigt die wohlbehütete Kindheit von Kurt Cobain, einen ersten Bruch mit den leiblichen Eltern im jungen Teenager-Alter, einen zwischen Erziehungsberechtigten herumgeschubsten, orientierungslosen Heranwachsenden und natürlich den Aufstieg und Fall des Sängers. Hierzu konnte Regisseur Brett Morgan auf mehr als 200 Stunden Musik- und Filmmaterial sowie ca. 4.000 Schriftstücke aus Tageüchern, Notizen, Songbüchern und Kunstwerken zugreifen um ein faszinierend intimes und zerbrechliches Bild des mit 27 Jahren zu jung verstorbenen Cobains zu zeichnen.

Cobains Familie filmte, wie in den 80er und 90er Jahren in den USA üblich, die Entwicklung ihres Sohnes mit dem Camcorder. Cobain führte diesen Brauch auch nach dem Rausschmiss aus dem Elternhaus fort. Darüber hinaus enthüllt die Dokumentation, dass Cobain häufig einen Voice-Redcorder nutze, um Gedanken festzuhalten. Eine der aufgenommenen Kassetten beschriftete er dann mit “Montage of Heck” (übersetzt: Collage aus Mist). Regisseur Morgan greift diese Schnipsel geschickt auf und visualisiert sie im Comic-Stil. Dadurch entsteht immer mehr atmosphärische Dichte, ähnlich wie bei Tarantinos Manga-Sequenz aus “Kill Bill Vol. 1”.

Neben amateurhaft gefimtem Material von frühen Konzerten vor einer Handvoll Grunge-Freaks offenbart “Cobain – Monage of Heck” auch Cobains Faszination für Kunst und Comics. Seine Tagebücher sind voll von psychedelischen Skizzen, die sich parallel zu seinem Leben immer mehr ins Extreme zuspitzen. Vor allem diese Tagebuch-Seiten sind es, die den Film zu einer der intensivsten und intimsten Dokumentarstücke machen.

Generation X neu verfilmt: Cobain - Montage of Heck

Mit “Last Days” versuchte Gus Van Sant, Cobain bereits 2007 ein Denkmal zu setzen und scheiterte daran kläglich. Die Dokumentation war weit entfernt von einer spannenden chronologischen Aufarbeitung der Ereignisse und am Ende schaltete man gelangweilt und nicht aufgewühlt ab. Knapp 10 Jahre zuvor warf Nick Broomfeld mit “Kurt and Courtney” ein anderes Licht auf den Tod Cobains, indem er eine Verschwörungstheorie konstruierte, nach der Courtney Love die Hauptschuld an Cobains Tod trägt. Sicherlich ein gewagter Ansatz, dem es sich lohnt 1 Stunde und 35 Minuten seiner Zeit zu widmen.

“Cobain – Montage of Heck” beweist, dass Cobains Leben weit entfernt von langweilig war und nur eine Frage der Zeit, bis es ein jähes Ende findet. Der Film ist ehrlich und durch die große Menge an Dokumentarmaterial die authentischste Auseinandersetzung mit einem musikalischen Genie, das stets am Rande des Wahnsinns agierte und wirkt gleichzeitig wie ein tödlicher Cocktail aus Kokain und Versagensangst, der den Zuschauer mit vielen Antworten statt mit noch mehr Fragen über Kurt Cobains viel zu frühen Tod entlässt.

 

Generation X neu verfilmt: Cobain - Montage of Heck

 

 

“Cobain – Montage of Heck” ist auf amazon.de auf Blu-Ray und DVD für knapp 10 Euro verfügbar. Alle Prime-Mitglieder im amazon instant video User können den Dokumentarfilm im Rahmen ihres amazon Abonnements streamen.

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